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Türkische Geschichte und türkische Geschichten

Die Aufgabe der Geschichtswissenschaft besteht darin, anhand gesicherter Quellen die Geschichte zu erforschen, sie darzustellen und kritisch zu deuten. Oft wird sie aber staatlich kontrolliert und dient eher dazu, die Geschichte so darzustellen und zu interpretieren, wie es der Regierung nützlich erscheint. Mustafa Kemal Pascha gründete nicht nur die Republik Türkei, sondern auch das Institut für Türkische Geschichte. Die Türkei zählt zu jenen Ländern, wo noch immer viele Wissenschaftler nach staatlichen Direktiven Geschichten erzählen statt Geschichtswissenschaft zu betreiben.

Trotz vieler staatlicher Behinderungen gibt es inzwischen immer mehr Wissenschaftler, Journalisten und Publizisten, die sich kritisch mit der herrschenden Geschichtsdarstellung auseinandersetzen. Das ist allerdings nicht ungefährlich: Am 19. Januar 2007 wurde Hrant Dink ermordet. Zuvor war der Herausgeber der in Istanbul erscheinenden armenischen Wochenzeitung Agos von einem Gericht wegen Beleidigung des Türkentums verurteilt worden. Besonders verärgerte es türkische Nationalisten, dass er schrieb, dass die Adoptivtochter Mustafa Kemal Atatürks ein armenisches Waisenkind war.

Eine linke Erfindung: die Kompradoren-Bourgeoisie im Osmanischen Reich

Türkische Wissenschaftler stellen die christlichen Völker des Osmanischen Reiches bzw. der Türkei meist als Kollaborateure von Imperialisten dar. Türkische islamische Kreise sind sich darin einig, dass Türken immer Opfer fremder Mächte wurden. Von weiten Teilen der türkischen Linken wird diese Sicht in etwas abgewandelter Version geteilt. Alle sind sich darin einig, dass  christliche Völker im Land den äußeren Feinden geholfen hätten, das Osmanische Reich zu schwächen und zu zerstören. Die Wirtschaft wäre – so wird von linken Türken behauptet – von einer christlichen Kompradoren-Bourgeoisie beherrscht worden und deshalb in Abhängigkeit vom Imperialismus geraten.

Noch weit vor dem Eindringen europäischer Unternehmen im östlichen Mittelmeerraum (Levante) und im Nahen Osten, beherrschten Griechen und Armenier das Wirtschaftsleben in der Region. Doch sie bildeten die einheimische bürgerliche Klasse und waren  keine Kompradoren, die im Dienste des ausländischen Kapitals standen und deren Interessen vertraten. Die Kompradoren-Bourgeoisie im Osmanischen Reich spielte nicht die Rolle wie z.B. in China des 19. Jahrhunderts.

Über die ethnische Zusammensetzung der Bourgeoisie und die Rolle der Türken im Osmanischen Reich der in der Mitte des 19. Jahrhunderts schreibt Friedrich Engels: „Und wer sind die Kaufleute in der Türkei? Die Türken sicher nicht. Als sie noch im ursprünglichen nomadischen Zustand lebten, bestand ihre Art, Handel zu treiben, in der Plünderung von Karawanen; jetzt, wo sie etwas zivilisiert sind, besteht sie in allen möglichen willkürlichen und drückenden Besteuerungen. Die Griechen, die Armenier, die Slawen und die Franken, die in den großen Seehäfen etabliert sind, haben den ganzen Handel in Händen und haben sicherlich keine Ursache, sich bei den türkischen Beis und Paschas dafür zu bedanken, daß ihnen das ermöglicht wird. Man entferne alle Türken aus Europa, der Handel wird nicht darunter leiden.  Und der Fortschritt in der allgemeinen Zivilisation? Wer verbreitet ihn in allen Teilen der europäischen Türkei? Nicht die Türken, denn sie sind gering an Zahl und im Lande zerstreut, und man kann schwerlich sagen, daß sie anderswo seßhaft sind als in Konstantinopel und in zwei oder drei kleinen ländlichen Distrikten. Es ist die griechische und slawische Bourgeoisie in allen Städten und Handelsplätzen, die die wahre Stütze jeglicher Zivilisation ist, die ernsthaft in das Land eingeführt wird. Dieser Teil der Bevölkerung wächst denn auch ständig an Reichtum und Einfluß, und die Türken werden mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt. Besäßen sie nicht das Monopol auf die Staats- und Militärgewalt, so würden sie bald verschwinden.“[1]

Anstatt mithilfe gesicherter Daten und Fakten die tatsächlichen wirtschaftlichen Verhältnisse und  Klassenstrukturen des Osmanischen Reiches zu untersuchen, haben linke Türken eine Kompradoren-Bourgeoisie erfunden. Die These  erscheint  im ersten Moment plausibel: Ausländische (christliche) Kapitalisten bedienten sich  christlicher Untertanen des Sultans, um das Land wirtschaftlich kontrollieren und ausbeuten zu können. Doch im Grunde geriet die türkische Wirtschaft erst nach Vernichtung der christlichen Völker unter ausländische Kontrolle: Die überwiegend von Christen gebildete einheimische christliche Bourgeoisie war fast vollständig ausgelöscht, eine vergleichbare türkisch-muslimische Bourgeoisie noch nicht. Das ausländische Kapital hatte in der Türkei keine einheimischen Konkurrenten zu fürchten, denn diese waren durch die türkische Völkermordpolitik in den Jahren 1915-22 entweder physisch eliminiert oder vertrieben worden.

Es gab auch einen nicht zu unterschätzenden religiösen Faktor, warum die einheimische, christliche Bourgeoisie sich dem Eindringen ausländischen Kapitals widersetzte: Die Ausländer waren zwar Christen, jedoch  Katholiken und  Protestanten. Unter den griechisch-orthodoxen und armenisch-apostolischen Christen des Osmanischen Reiches herrschte eine tiefe Abneigung gegenüber den katholischen und protestantischen Europäern, die ab dem 15. Jahrhundert in den Markt des Landes des einzudringen begannen.

Die Schwäche des osmanischen Staates hatte auch eine negative Auswirkung auf die Position der einheimischen Christen in der Wirtschaft. Einerseits verhinderten die Strukturen im Osmanischen Reich die Entwicklung einer modernen, konkurrenzfähigen Wirtschaft, andererseits drängte das ausländische Kapital ins Land und bekam dabei von den Osmanen sogar Privilegien zugestanden. Dadurch waren sie den einheimischen christlichen Wirtschaftsakteuren überlegen.

Pascha gegen Sultan

Bei genauerer Betrachtung der türkischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts wird deutlich, dass nicht nur die christlichen, sondern auch muslimischen Untertanen unzufrieden mit der osmanischen Herrschaft waren. Die erfolgreichen Unabhängigkeitskämpfe der christlichen Völker auf dem Balkan in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bedeuteten zwar eine enorme Schwächung, aber keine ernsthafte Bedrohung des Reiches. Solange sich die Sultane auf die uneingeschränkte Unterstützung ihrer mehrheitlich muslimischen Untertanen stützen konnten, waren die Verluste auf dem Balkan verkraftbar. Weitaus bedrohlicher wurden separatistische Bewegungen in den überwiegend muslimischen Teilen des Reiches Ägypten und Kurdistan.

Der osmanische Statthalter in Ägypten, Mehmet Ali Pascha, stammte aus der Stadt Kavala im Nordosten des heutigen Griechenland. Der Aufstieg des albanischstämmigen Paschas begann nach der kurzzeitigen Besetzung Ägyptens durch die Franzosen im Jahr 1805. Er führte eine Reihe von Reformen durch und modernisierte die Armee. Ihre Schlagkraft zeigte sich während des griechischen Unabhängigkeitskrieges, als ägyptische Truppen den bedrängten osmanischen Einheiten zu Hilfe kamen. Aber bereits vier Jahre nach Ende des dortigen Krieges, beschloss der selbstbewusste Mehmet Ali in den Krieg gegen den Sultan zu ziehen.

Unter der Führung seines Sohnes Ibrahim besetzten die ägyptischen Truppen 1832 Damaskus und drangen bis ins westliche Kleinasien vor. Der Fall der osmanischen Hauptstadt erschien in greifbarer Weite. Da weder Frankreich noch England bereit waren, dem Sultan zu helfen, blieb diesem keine andere Wahl, als beim Zaren um Hilfe zu bitten. Im Vertrag von Hünkar Iskelesi (1833) unterstellte sich der Sultan dem Schutz Russlands. Mehmet Ali erkannte im Friedensvertrag von Kütahya (1833) schließlich die Oberhoheit des Sultans weiterhin an, bekam aber dafür Syrien und Kilikien als Lehen zuerkannt.

Im April 1838 versuchte der Sultan ihn zu unterwerfen, doch seine Armee wurde von den Ägyptern bei Nizip vernichtend geschlagen. Diese erneute Niederlage beunruhigte diesmal die Briten, die ihre Interessen in der Region gefährdet sahen. Russland hatte bereits durch das Abkommen von Hünkar Iskelesi großen Einfluss gewonnen; Frankreich, das 1830 Algerien besetzt hatte, unterstütze anfangs die Ambitionen des ägyptischen Statthalters.

Marx und Engels sahen Türkei verfaulen

Den Höhepunkt der Machtentfaltung des Osmanischen Reiches bildete die Herrschaft Sultan Suleimans. Die zwei wichtigsten Säulen der osmanischen Herrschaft waren der Staatsapparat und die Militärmaschinerie. Beide Teile hatten eine  Aufgabe: Die Eroberung und Ausbeutung von immer neuen Territorien. Lange Zeit funktionierte dieser von Krieg und Expansion lebender Staat, doch mit der schnellen wirtschaftlichen und technologischen Entwicklung in Europa konnte er nicht mithalten. Der Niedergang der Militärmaschinerie und des Staatsapparates nahm seinen unaufhaltsamen Lauf.

Trotz  Reformbemühungen beschleunigte sich der Staatszerfall im 19. Jahrhundert. Die Unabhängigkeitskämpfe der christlichen Völker auf dem Balkan, mehrere verlorene Kriege mit Russland, die zwei Vorstöße des aufständischen ägyptischen Statthalters bis tief nach Anatolien und die Kurdenaufstände hätten eigentlich die Existenz des Osmanischen Reiches beendet, doch  europäische Mächte verfolgten sehr gegensätzliche Ziele und Interessen in der Region. Marx und Engels beschrieben die Situation mit folgenden Worten: „Den Status quo in der Türkei erhalten! Ebenso gut könnte man versuchen, den Kadaver eines toten Pferdes in einem bestimmten Stadium der Fäulnis zu erhalten, in dem er sich befindet, ehe die vollständige Verwesung erfolgt. Die Türkei verfault und wird immer mehr verfaulen, solange das jetzige System des „europäischen Gleichgewichts“ und die Aufrechterhaltung des Status quo andauern.“[2]

 „Der kranke Mann am Bosporus“

Der Krieg mit Ägypten hatte die osmanische Herrschaft schwer erschüttert. Nur durch die massive Intervention der europäischen Mächte – vor allem durch englische Hilfe – konnte der Sultan die Angriffe Ägyptens abwehren. Mit Kilikien (Südosten der Türkei) und Syrien hätte er fast zwei wichtige, überwiegend muslimisch bevölkerte Reichsteile verloren.

England betrachtete das Osmanische Reich als eine wichtige Barriere, um den Vorstoß Russlands in Richtung Mittelmeer und den Nahen Osten einzudämmen und die strategisch wichtige Verbindung mit der englischen Kolonie Indien zu schützen. Mehmet Ali Pascha war somit nicht nur für die osmanischen Herrscher eine Gefahr, sondern auch für das englische Empire. England musste somit zugunsten des Sultans intervenieren, denn sein influss im Nahen Osten war in Gefahr.

Mehmet Ali hätte bereits Mitte des 19. Jahrhunderts das Ende türkisch-osmanischer Herrschaft – zumindest im Nahen Osten – besiegeln können; damit wäre eine nationale, pan-arabische Entwicklung in der Region möglich gewesen. England dämmte durch seine Intervention nicht nur den Einfluss Russlands ein, sondern auch die Entwicklung des arabischen Nationalismus. Die Queen und der Sultan wurden natürlich aufgrund gemeinsamer Interessen Verbündete. Später bot sich der deutsche Kaiser als Beschützer der Osmanen und des Islam an. Der „kranke Mann am Bosporus“, wie die osmanische Herrschaft im 19. Jahrhundert genannt wurde, konnte nur durch den Einsatz seiner christlich-imperialistischen Ärzte überleben.

Tödlicher Status quo

Bei einer genauerer Betrachtung der Geschichte des Osmanischen Reiches wird deutlich, dass

die von manchen europäischen Mächten unterstützten Unabhängigkeitsbewegungen der christlichen Völker keine existenzielle Bedrohung darstellten. Eine wirklich ernsthafte Bedrohung ging von Mehmet Ali Pascha aus. Er  wurde jedoch nicht von christlichen Mächten gegen den Sultan aufgewiegelt und diente auch nicht ihren Interessen in der Region. Mehmet Ali verfolgte eigene Ziele und war militärisch stark genug, um sie durchzusetzen. Er ahnte jedoch nicht, dass die europäischen Mächte an einer Beibehaltung des Status quo interessiert waren.

Das System des „europäischen Gleichgewichts“ und die Aufrechterhaltung des Status quo war gut für die europäischen Mächte und den Sultan, jedoch tödlich für andere: Als 1894-96 etwa 300.000 Armenier massakriert wurden, gab es nur Proteste Englands und Frankreichs, die aber nichts unternahmen, um das Gemetzel zu beenden. Während des 1. Weltkrieges war es dann die deutsche Regierung, die tatenlos zusah, wie ihr türkischer Verbündeter einen Völkermord an den Armeniern verübte.

Alte Rollenverteilung und neue Opfer

Es gibt kein vergleichbares Beispiel eines muslimischen Staates, das über so lange Zeit hinweg immer wieder die Unterstützung „christlicher“ Mächte erhielt und so überleben konnte. Es gibt auch kein Beispiel dafür, dass ein solcher Staat immer wieder mit Duldung oder sogar Unterstützung „christlicher“ Mächte Völkermordverbrechen verüben konnte.  Dieses Privileg gewährten die Imperialisten nur den Osmanen und ihren Nachfolgern.

Auch heute hat sich daran nichts geändert: Nach der Vernichtung der Armenier und Griechen, werden heute die Kurden mit Duldung und Unterstützung des Westens und Russlands unterdrückt, massakriert und vertrieben. Die Türkei selbst hat nun angefangen, den Status quo an ihrer östlichen Grenze infrage zu stellen. Das könnte sich als ein folgenschwerer Fehler herausstellen. Doch hinterher wird der Bevölkerung wieder einmal erzählt, die Türkei sei Opfer einer internationalen Verschwörung geworden. Wie könnte es anders sein?

 

[1] Friedrich Engels, MEW Band 9, Berlin 1975, S. 27

[2] Karl Marx/Friedrich Engels, MEW Band 9,  Berlin 1975, S. 7

 

Toros Sarian