Über die Notwendigkeit seinen Nachbarn zu kennen

Seit Monaten wird in den Medien über eine Normalisierung der Beziehungen zwischen der Türkei und Armenien, sowie der Öffnung der Grenze spekuliert. In den türkischen und armenischen Medien werden in Analysen und Kommentaren sehr unterschiedliche Meinungen vertreten. Auffallend ist, dass es sehr viele widersprüchliche Meldungen und Meinungen gibt. Es ist angesichts dieser Lage äußerst schwierig eine Prognose anzustellen, wohin die Verhandlungen führen werden, ob die Grenze wirklich geöffnet wird und ob die beiden Staaten in Kürze diplomatische Beziehungen aufnehmen werden.

Was beim Lesen der Analysen und Kommentare auf armenischer Seite auffällt, ist der Mangel an Kenntnis der politischen Verhältnisse in der Türkei. Weder in der Republik Armenien, noch in der Diaspora gibt es eine nennenswerte Zahl von politischen Analysten bzw. Experten, die wirklich über ein fundiertes Wissen über die Türkei verfügen. Um die politische und gesellschaftliche Entwicklung der Türkei wirklich verfolgen und beurteilen zu können, bedarf es zumindest der Kenntnis der türkischen Sprache. Doch die Zahl derjenigen, die z.B. in der Diaspora noch einigermaßen Türkisch sprechen und lesen können nimmt ständig ab. Kaum ein armenischer politischer Aktivist oder Geisteswissenschaftler kann Türkisch, kaum ein Armenier in Westeuropa oder in Nordamerika will die türkische Sprache erlernen oder an einer Hochschule Turkologie studieren.

Der aus Kalifornien stammende armenische Revolutionär Monte Melkonian hatte einst darauf hingewiesen, dass es wichtig sei, die türkische Sprache zu erlernen. Er kritisierte die weit verbreitete Einstellung, Armenier, die Türkisch sprechen als „unpatriotisch” zu betrachten. Monte Melkonian war klar, dass jemand, der kein Türkisch kann, schwerlich in der Lage sein würde, die politische Entwicklung in der Türkei zu verfolgen, geschweige denn, sie richtig zu analysieren. Türkischkenntnisse sind also eine Grundvoraussetzung für jeden, der sich mit der Türkei beschäftigt bzw. die dortigen Verhältnisse verstehen will. Darüber hinaus ist es aber auch notwendig, Kontakt mit türkischen Kreisen zu haben, denn Wissen über Gesellschaft und Politik der Türkei kann man nicht nur aus der Lektüre von Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehsendungen schöpfen. Wer in der Diaspora hat aber Kontakt zu Türken? Monte Melkonian hat immer betont, wie wichtig es ist, dass die Armenier in einen Dialog mit den fortschrittlich-demokratischen Kräften der türkischen Gesellschaft eintreten. Leider ist auch in diesem Bereich nichts Nennenswertes passiert. Wenn in den vergangenen 15 Jahren ein gewisser Dialog aufgebaut werden konnte, dann ist es ein Verdienst von einzelnen Armeniern wie Hrant Dink. Außerhalb der Türkei hat es keine ernsthaften Versuche gegeben, einen Dialog mit türkischen Kreisen zu führen, die der staatlich verordneten Leugnungspolitik kritisch gegenüberstehen.

In der Türkei wird seitens der Regierung das Erlernen der armenischen Sprache gefördert. Der Grund, warum an den Hochschulen in der Türkei Armenisch unterrichtet werden soll, dürfte mehr oder weniger darin liegen, dass der türkische Staat Experten benötigt, die das Armenische beherrschen. In der Türkei gibt es auch Institutionen, die sich ausschließlich mit der „Armenischen Frage” beschäftigen. Die türkische Regierung tut also einiges, um Armenien-Experten heranzubilden und zu beschäftigen. Das türkische Außenministerium genießt unter den Ministerien in Ankara den besten Ruf, weil es gut organisiert ist und sich auf fähige und motivierte Mitarbeiter stützt. Was aber die außenpolitischen Experten in der Republik Armenien betrifft, so beherrschen sie meistens kein Türkisch. Es fragt sich dann aber, welchen Wert die Analysen und Kommentare dieser Experten haben, wenn sie nicht in der Lage sind, die türkischen Publikationen zu lesen. Stellen wir uns z.B. einen armenischen Russland-Experten vor, der kein Russisch kann, kaum mit Russen Kontakt hatte oder nie in Russland war? Es gibt eigentlich nur sehr wenige wirkliche Kenner der Türkei, dazu zählt sicher Ruben Safrastyan. Die meisten politischen Analysten, die in den vergangenen Wochen und Monaten über die Entwicklung in den türkisch-armenischen Beziehungen geschrieben haben, besitzen nicht das notwendige Wissen für eine wirklich fundierte Analyse. Was die Politik der Regierung betrifft, so gewinnt man nicht den Eindruck, als ob sie bei ihren Entscheidungen von einem Beraterstab von Türkei-Experten unterstützt wurde. Doch dies war in der Vergangenheit, als das Außenministerium von Vartan Oskanian geleitet wurde, auch nicht anders. Wie wenig Aufmerksamkeit das Außenministerium unter Kotscharians Regierung der Türkei-Politik schenkte, war schon an der (Unter-)Besetzung der Türkei-Abteilung im Ministerium sichtbar.

Jeder, der die Türkei kennt, weiß, wie kompliziert die dortige politische Landschaft ist. Die türkische Politik ist schwer zu verstehen. Hier seien nur einige Beispiele aus den vergangenen Wochen erwähnt, die einen kleinen Einblick in die Abläufe türkischer Politik geben: Nur wenige Tage nach der Abreise des US-Präsidenten, der bei seinen Gesprächen auf eine Normalisierung der türkisch-armenischen Beziehungen gedrängt hatte, verkündete der türkische Regierungschef „One Minute” Erdogan, dass es ohne eine Lösung der Frage um Berg-Karabach eine Normalisierung nicht geben werde. US-Präsident Barak Obama hatte den Staatsgründer M.K. Atatürk in den höchsten Tönen gepriesen; die türkische Regierung hat wenige Tage nach dem Obama Besuch in einer großen Verhaftungswelle im Zusammenhang mit dem terroristischen Netzwerk Ergenekon führende intellektuelle Köpfe der Atatürkisten verhaften lassen. Während der US-Präsident eine friedliche, demokratische Lösung der kurdischen Frage angemahnt hatte, ließ die türkische Regierung nur kurz nach dem Besuch dutzende von führenden Funktionären der kurdischen Partei DTP verhaften und signalisierte damit, dass sie an einem Dialog mit dieser demokratischen parlamentarischen Vertretung der Kurden nicht interessiert ist.

Ein anderes Beispiel ist die unerwartet harte Reaktion der Türkei auf den Angriff Israels auf Gaza. Die Türkei als engster Verbündeter Israels in der Region und unter den islamischen Staaten, wurde zu einem scharfen Kritiker der israelischen Militäraktion. Erdogan stellte den iranischen Präsidenten in den Schatten. Der Eklat in Davos, als der armenischstämmige Moderator der Diskussionsrunde dem türkischen Minister die geforderte „One Minute” verweigerte, führte zu einer ernsthaften Krise in den türkisch-israelischen Beziehungen. Doch auch hier hat die türkische Regierung sehr geschickt die Wogen geglättet und heute ist dieser Zwischenfall bereits vergessen: Touristen aus Israel sonnen sich heute an den Stränden der türkischen Mittelmeerküste und genießen ihren kühlen Cocktail, während deutsche Touristen tödliche Getränke serviert bekommen. Es kann keinen Zweifel geben: Die Türkei, die für zwei Jahre einen Sitz im UN-Sicherheitsrat ergattert hat, spielt heute eine bedeutende Rolle sowohl in der Region als auch auf internationaler Ebene. Mit der Regierung eines solchen Staates in Verhandlungen einzutreten ist natürlich eine äußerst schwierige Angelegenheit, zumal es offensichtlich ist, wer an einer „Normalisierung” mehr interessiert ist.

Der armenische Außenminister Edward Nalbandian, dessen Sprecher oft damit beschäftigt ist, die Seites der türkischen Regierung in die Medien lancierten Meldungen zu dementieren, ist nicht zu beneiden. Sein türkischer Kollege heißt jetzt Ahmet Davutoglu. Der außenpolitische Chefberater Erdogans, der kürzlich Ali Babacan abgelöst hat, gilt als Architekt der erfolgreichen türkischen Außenpolitik der vergangenen Jahre. Manche bezeichnen ihn als den türkischen Kissinger.

Toros Sarian

03.05.2009