Völkermord und die „Neutralität“ der Universität Stuttgart

Interview mit Abdulmesih BarAbraham von der „Assyrische Demokratische Organisation“ über die Entscheidung der Universität Stuttgart, keine Räume für eine Veranstaltung über Völkermord an den Assyrern/Aramäern zur Verfügung zu stellen.

Für den 28. Mai 2011 sollte an der Universität Stuttgart eine Gedenkveranstaltung zum Völkermord im Osmanischen Reich stattfinden. Die „Arbeitsgruppe Anerkennung – Gegen Völkermord, e.V.“, der „Verband der Vereine der Griechen aus Pontos in Europa“ und die „Assyrische Demokratische Organisation“ hatten rechtzeitig bei der Uni einen Raum beantragt. Völlig unerwartet wurde ihnen nur wenige Tage vor dem Veranstaltungstermin mitgeteilt, dass die Uni keine Räume zu Verfügung stellen werde. Als Begründung nannte sie einen aus Berlin erfolgten „Protest“. Ferner wurde auf die „Neutralität“ der Uni in der Völkermordfrage verwiesen. Die Veranstaltung musste an einem anderen Ort durchgeführt werden. ArmenienInfo fragte Herrn Abdulmesih BarAbraham von der „Assyrische Demokratische Organisation“ zu der Entscheidung der Universität Stuttgart und den Völkermord an den Assyrern/Aramäern, der bis heute der Öffentlichkeit nur kaum bekannt ist.

Toros Sarian: Herr Bar-Abraham, Termin und Ort für die Gedenkveranstaltung schien fest zu stehen. Wann haben Sie erfahren, dass die Uni-Stuttgart den Veranstaltern die Räume nicht zur Verfügung stellt?

Abdulmesih Bar-Abraham: Vier Tage vor der Veranstaltung wurde uns mitgeteilt, dass man die zuvor zugesagten Räume nicht zur Verfügung stellen wird, da die Uni „Neutralität“ bewahren müsse und das „enormer Druck aus Berlin“ gegeben habe; das deutet nicht nur daraufhin, dass man türkischem Druck nachgegeben hat, sondern auch, dass man die Veranstaltung gänzlich verhindern wollte, weil es schwierig sein würde, so kurzfristig einen Raum-Ersatz zu finden und dies auch entsprechend bekannt zu machen.

Nachdem bekannt wurde, dass die Uni keine Räume für die Gedenkveranstaltung zu Verfügung stellt, haben Sie in einer Presseerklärung diese Entscheidung scharf kritisiert. Wie war die Resonanz in den deutschen Medien auf dieses skandalöse Verhalten der Uni?

Die Resonanz war schwächer als wir erwartet hatten. Als eine der großen Zeitungen hat die FAZ berichtet.

Besteht nicht die Gefahr, dass auch andere Universitäten dem Beispiel der Uni Stuttgart folgend ihre „Neutralität“ in der Völkermordfrage erklären und damit faktisch sich dem Wunsch der türkischen Regierung beugen?

Diese Gefahr besteht durchaus, doch es wäre moralisch problematisch für die Unis als Mittler von Wissen und Geschichte diesem Beispiel zu folgen. Als Institutionen, die Geschichte basiert auf Fakten hochhalten, können sich Universitäten nicht plötzlich von dem distanzieren, was sie ihren Studenten lehren; ansonsten müssten sie das ganze Thema Genozid aus ihrem Curriculum herausnehmen. Deshalb denke und hoffe ich, dass die Haltung der Uni Stuttgart ein Einzelfall bleiben wird.

Über den Völkermord an den Assyrern/Aramäern ist in der Öffentlichkeit kaum etwas bekannt. Worin sehen Sie die Gründe dafür?

Es ist in der Tat richtig, dass neben den Armeniern das Leiden anderer christlicher Völker während des Völkermordes Anfang des 20. Jahrhunderts kaum Beachtung fand. Der Umstand hat viele Ursachen; was die Assyrer angeht, liegen die Gründe teilweise in der Ignorierung bzw. Unterdrückung ihrer Erwähnungen in vielen Dokumenten. Ein Bespiel: das sogenannte englische „Blue Book“ enthielt in der ursprünglichen Druckfassung fast 100 Seiten, die sich mit dem Schicksal der Assyrer im Osten Anatoliens befassten; der ursprünglich Titel hieß auch „The Treatment of the Armenians and Assyrians in the Ottoman Empire“. Bereits in der ersten Druckausgabe wurde im Titel der Hinweis auf die Assyrer wegegelassen. In späteren Ausgaben verschwand sogar das Kapitel über die Assyrer. Das in London ansässige „Gomidas Institute“ hat vor wenigen Jahren das komplette Dokument wieder veröffentlicht.

Generell gesprochen, hat armenische Literatur zum Genozid das Thema der Assyrer nicht oder kaum erfasst, obwohl alle wesentlichen Quellen-Dokumente und Augenzeugenberichte von den Assyrern (auch als Syrer, Nestorianer und Chaldäer bezeichnet) handeln. So hat sich das fortgesetzt bis in die 1990er Jahre. Erst Gabriele Yonan hat das mit ihrem Buch „Der vergessene Holocaust: Die Vernichtung der christlichen Assyrer in der Türkei“ das Schicksal der Assyrer in deutschsprachigen Raum in Erinnerung gebracht.

Dazu sei Zwecks Vermeidung von Konfusion anzumerken, dass es in keinem Quell-Dokument zum Genozid von aramäischen Opfern die Rede ist, sondern von Syrern, Nestorianern, Chaldäern und Assyrer gesprochen wird, welche oft mit ihrer Kirchenzugehörigkeit identifiziert werden aber natürlich auch als aramäisch-sprechende Christen bekannt sind.

Wurde der Völkermord an den Assyrern durch ein nationales Parlament anerkannt?

Schweden ist das erste Land, welches den Genozid von 1915 – wir sagen dazu „Seyfo“ – an den Assyrern im Jahre 2010 durch ihren Reichstag anerkannt hat: die Anerkennung erfolgte gemeinsam mit denen der Armenier und Griechen. Debatten zur Anerkennung des Genozids an den Assyrern gab es allerding schon in einigen nationalen Parlamenten, so z.B. in England und in der Schweiz.

Die Nationalversammlung der Republik Armenien hat bislang den Völkermord an den Assyrern auch nicht anerkannt. Gibt es seitens Ihrer Organisation oder anderer assyrischen Organisationen die Forderung, dass die Republik Armenien den Völkermord an den Assyrern ankennt?

Ja, die Forderungen gibt es von vielen Seiten, aber zu einer formellen Anerkennung kam es noch nicht. Es gibt eine größere assyrische Community in Armenien. Diese setzt sich dafür ein, ein Denkmal in Jerivan aufzustellen, welches an die assyrischen Opfer des Völkermordes/Seyfo erinnern soll.

In der Bundestagsresolution vom Juni 2005 werden lediglich die Armenier als Opfer der verbrecherischen Politik der Jungtürken genannt. Worin sehen Sie die Gründe dafür, dass die Opfer der Assyrer/Aramäer ungenannt blieben?

Richtig ist, dass in der Einleitung zur Begründung der Resolution auch Assyrer/Aramäer als Opfer erwähnt werden. Allerding gibt das die generelle Haltung der deutschen Öffentlichkeit wieder, die beim Völkermord nur die Armenier als Opfer kennen. Selbst die hochkarätige Dokumentation des NDR vom letzten Jahr, „Aghet – Ein Völkermord“, spricht allein von Armeniern als Opfer.

Wie beurteilen Sie die Haltung der deutschen Öffentlichkeit und Politik in der Völkermordfrage? Sehen Sie seit der Bundestagsresolution vom Juni 2005 einen Wandel?

Ich denke, dass die deutsche Öffentlichkeit in der Frage des Völkermordes sehr viel ehrlicher wäre und mehrheitlich anerkennt, dass eine Völkermord stattgefunden hat; doch die deutsche Politik agiert sehr opportunistisch; obwohl man als damaliger Verbündeter der Türkei eine gewisse Mitschuld anerkennt, vermied man peinlich den Begriff Völkermord in der Resolution – mit Rücksicht auf die Türkei und den wirtschaftlichen Beziehungen.

Am 24. April 2011 haben Armenier und Assyer/Aramäer in Hamburg gemeinsam mit einer großen Gedenkveranstaltung an die Opfer des Völkermordes im Osmanischen Reich erinnert. Wie ist die Haltung Ihrer Organisation bzw. der Assyrer/Aramäer zu solchen gemeinsamen Gedenkveranstaltungen zum Völkermord?

Gemeinsam mit Pontos-Griechen und Armeniern war die Initiative „mit einer Stimme sprechen“ in München vor über sechs Jahren eine der ersten Initiativen in Deutschland, die gemeinsame Veranstaltungen zum Gedenken an den Genozid organisiert hat. Es ist wichtig, dass man als Opfer gemeinsam auftritt, da die jungtürkische Politik auf die Vernichtung aller Christen im osmanischen Reich ausgerichtet war.